Samstag, 12. September 2015

Deutschland im Flüchtlingstaumel – zerstörte Existenzen und gespaltene Lager



Deutschland kennt derzeit nur ein Thema: Flüchtlinge.

Ich habe dieser Tage viel gesehen und beobachtet, mit einigen Menschen gesprochen und die Nachrichten verfolgt und möchte ein paar Worte zu dem Thema loswerden, denn es gibt ein paar Dinge, die scheinbar niemandem auffallen.

Flüchtlinge sind Menschen, die in ihrem Heimatland bedroht werden, bedroht von Krieg und Tod, bedroht von Hetze, Verfolgung und Folter, bedroht von Krankheit, Hunger und Elend. Große Mühen und tausende Kilometer liegen hinter ihnen, wenn sie Deutschland müde und abgemattet erreichen.

Schließe die Augen und stell dir vor, du bist einer dieser Flüchtlinge.
Was trieb dich an zur Flucht ins Ungewisse? Was brachte dich dazu dein geliebtes Heimatland, deine Familie und deine Freunde zu verlassen?
Alle Häuser ringsum sind zerbombt, dein Haus wird das nächste sein. Deine Arbeitsstelle, ein Krankenhaus am Stadtrand, wurde vor zwei Wochen getroffen, alles ist zerstört.
Eine Flucht ins Ungewisse. Du weißt, du kommst nie wieder zurück. Dein Weg wird lang und beschwerlich werden, du hast kein Auto, bist zu Fuß, du kannst nicht allzu viel mitnehmen und musst außerdem noch deine zwei Jahre alte Tochter tragen. Was nimmst du mit?
Was nimmst du mit?
Schau dir deine Wohnung noch einmal an, dein Zimmer mit all den Dingen, die dir wichtig sind: Das Bild deiner Frau, die vor einem halben Jahr erschossen wurde, der hübsche Wandteppich von Großvater, der messingfarbene Samowar am Fenster, der große Holztisch mit den hübschen Schnitzereien, den dein Großcousin gebaut hat, das Bettchen und die Puppe deiner Tochter.
Was nimmst du mit?

In Deutschland wird es derweil Herbst. Die letzten Sonnenstrahlen wärmen die Stadt, strahlend blauer Himmel, ein Samstag im Spätsommer.
Ein Mann sitzt vor einer Flüchtlingsunterkunft und wartet. Er wohnt dort mit 10 anderen Männern in einem Raum, einige kommen aus Syrien, andere aus Äthiopien, dem Iran, er redet wenig mit ihnen, nicht viele sprechen seine Sprache. Manchmal spielen sie Karten. Die haben sie von den deutschen Helfern bekommen. Er wartet. Seinen Asylantrag durfte er vor 4 Wochen stellen, bis er gewährt wird und er anfangen kann Deutsch zu lernen, kann es dauern, hat man ihm gesagt, Wochen, Monate, bis dahin kann er nichts tun, nur warten. Und er hat viel Zeit zum Nachdenken über den Krieg in seinem Heimatland, die Gedanken gehen dahin zurück, was er alles zurücklassen musste, um hierher zu kommen, um in Sicherheit zu sein. Und er denkt an seine Schwester, die noch dort ist, sie blieb da, um den kranken Vater zu versorgen. Er soll Geld schicken, wenn er Arbeit findet, hatte sie gesagt. Doch hier darf er nicht arbeiten ohne Asyl, hier darf er nur warten.

Tausende Helfer versuchen derzeit die Flüchtlingsströme im Land zu koordinieren, Menschen Schutz und Obdach zu ermöglichen, sie mit Nahrung und Trinkwasser zu versorgen. Tausende Helfer in christlichen Gemeinden, muslimischen Verbänden und  Nichtregierungsorganisationen oder andere religiöse und nichtreligiöse Gruppen kochen Suppen, spenden Kleidung.
Dem gegenüber stehen Menschen, „besorgte Bürger“, die Angst vor diesen hilflosen und traumatisierten Menschen haben, Angst um Arbeitsplätze, die sie selbst nicht annehmen wollen, Angst um ihren Wohlstand mit Flachbild-TV in einer vom Staat bezahlten Wohnung, den sie selbst  als Armut wahrnehmen, bloß, weil sie nicht genug Geld haben, einmal im Jahr 14 Tage Urlaub an der Coté d’Azur zu machen, sich den teuren Blu-Ray-Player bei Saturn zu kaufen oder dem quengelnden Kind das neue iPad.
Und es gibt Menschen, die hilflos danebenstehen, Menschen, die 8 bis 12 Stunden am Tag arbeiten, deren Arbeitslohn gerade ausreicht, um die kleine völlig überteuerte Mietwohnung im sozialen Brennpunktviertel bezahlen zu können und den zwei schulpflichtigen Kindern einmal am Tag eine warme Mahlzeit auf den Tisch stellen zu können. Urlaub hatten sie zuletzt vor 6 oder 7 Jahren. Ihnen tun all die Flüchtlinge Leid, sie würden selbst gerne helfen, haben aber weder die Zeit, weil sie den ganzen Tag arbeiten müssen, damit sie grade so über die Runden kommen, noch genug Geld, um es zu spenden.

Dann kommen die ängstlichen „besorgten Bürger“, die ihr Vaterland überfremdet sehen, und schreiben erlogene Hetznachrichten über den Wohlstand der Flüchtlinge, Krawall machende Flüchtlinge, Müll hinterlassende Flüchtlinge und der arme viel-arbeitende Mensch, der kaum seine Familie ernähren kann, bekommt Wut. Wieso geht es denen besser als mir, wo ich doch jeden Tag arbeiten gehe? Das ist die Taktik, die dahinter steckt hinter diesen Hetzartikeln. Man will eine breite Front gegen Flüchtlinge in der Bevölkerung schaffen. Und während der gewaltbereite „besorgte Bürger“ schon mal die Benzinkanister für heute Abend fertig macht, die Brandbeschleuniger danebenlegt, bekommt der normale Mensch von nebenan Angst vor hilflosen Flüchtlingen, die alles verloren haben. Angst, die bewusst geschürt wird, Wut, die bewusst geschürt wird.

Es ist wichtig gegen solche Hetze auf die Straße zu gehen, es ist wichtig Flüchtlingen, die alles verloren haben, zu helfen, es ist wichtig, die Schwachen zu unterstützen. Vor allem aber ist es wichtig zu reden und aufeinander zuzugehen. Ein Flüchtling, der seine Kultur nach Deutschland bringt, bereichert unser Land, er kann uns helfen an Stellen, wo Fachkräftemangel herrscht diesen zu beheben. Um einen traumatisierten Menschen allerdings zu integrieren in unsere Gesellschaft, dafür zu sorgen, dass er sich hier wohl fühlt, dafür muss man auf ihn zugehen, ihn in die bestehende Gesellschaft aufnehmen.
Es bringt wenig, Menschen, die einen Marathon von 170 Kilometern hinter sich haben, jubelnd im Spalier zu empfangen, wie Tour de France Sieger. Welchen Eindruck gewinnt der flüchtende Mensch von einem solchen Empfang?
Ihr wollt, dass ich herkomme, ihr freut euch, dass ich hier bin, warum habt ihr mir dann nicht geholfen her zu kommen, als ich eure Hilfe brauchte? Warum muss ich überhaupt flüchten? Warum helft ihr mir und meinem Land nicht den Krieg zu beenden, dann hätte ich gar nicht zu flüchten brauchen? Ihr jubelt mir zu, wenn ich ankomme und dann, die Wochen und Monate danach? Da interessiere ich euch nicht mehr. Niemand lädt mich zum Abendessen ein, niemand spielt mit meinen Kindern.
Essen und Kleidung spenden ist wichtig, aber Integration geht anders.

Und alle die, die wollen, dass erst dem eigenen Volk geholfen wird  und dann anderen, mögen bitte daran denken, dass auch Deutsche einmal Flüchtlinge waren und aus Niederschlesien und dem heutigen Tschechien nach Deutschland kamen. Der Krieg war zu Ende, die Häuser ausgebombt, die Menschen wurden vertrieben, ganze Familien wurden auf dem Flüchtlingstreck aus dem Osten im bitteren Winter ausgelöscht. Die, die ankamen wurden aufgenommen, obwohl niemand etwas hatte. Wenn Menschen sich auf den Weg machen, alles hinter sich zu lassen, müssen sie gute Gründe haben, niemand flüchtet freiwillig. Und wenn du wirklich deine hochgelobte „abendländische Kultur“ schützen willst, lieber „besorgter Bürger“, dann lebe sie doch und zeige christliche Nächstenliebe dem Schwächsten und den Leidtragenden gegenüber, statt Hass und Egoismus in die Welt zu tragen und Angst zu säen. Niemand braucht angezündete Häuser, Menschen brauchen ein Obdach und sie wollen, dass der Krieg und Hass aufhört. Lerne deinen neuen Nachbarn erst mal kennen, bevor zu ihn verurteilst. Vielleicht ist er es, der dir ein, zwei Jahre später auf dem OP-Tisch das Leben retten wird.


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